Verbandspolitik DPV Allgemein

Kommentar

Quo vadis, DPV?

Stichwort: Hauptausschuss

Das mindestens zweimal jährlich tagende Gremium besteht aus je einem Vertreter der zehn Landesverbände und den drei Mitgliedern des geschäftsführenden DPV-Präsidiums. Außer auf dem Feld der Finanzen verfügt der Ausschuss über fast unbeschränkte Entscheidungsrechte.

Am SO 16.10. tritt der DPV-Hauptausschuss in Fulda zusammen.  Überschattet wird die Sitzung vom bevorstehenden Wechsel an der DPV-Spitze: Präsident Klaus Eschbach wird auf dem Verbandstag 2012 nicht erneut kandidieren, seine Stellvertreterin Tina Röhnicke ist am 4. Oktober d. J. zurückgetreten. Wo liegen aktuelle Probleme des Verbands? Wohin sollte die Reise gehen?

Geheimbündelei oder mehr Transparenz?

Seit Anfang letzten Jahres hat sich der DPV stärker denn je zur black box entwickelt. Das letzte veröffentlichte Protokoll einer Hauptausschuss-Sitzung stammt vom 17. Januar 2010. Und auch das Protokoll des Verbandstags vom März 2011 wird nach wie vor unter Verschluss gehalten. Von einer Kontrolle der Aktiven und ihrer Vereine darüber, wie sich ihre jeweiligen Landesverbände auf DPV-Ebene positionieren, kann seither keine Rede mehr sein. Vordemokratische Geheimniskrämerei ist gewiss kein Indiz dafür, dass im Pétanque-Verband alles zum Besten steht. Und ein Weg, um engagierte Spieler/innen für Aufgaben im Verband zu interessieren, ist dies wohl auch nicht.

Knackpunkt Finanzen

Der Streit um die Aufteilung der Einnahmen zwischen Landesverbänden und DPV ist seit vielen Jahren ungelöst. Aktuell führen die Landesverbände je Lizenznehmer jährlich 12 EUR und für Mitglieder ohne Lizenz jährlich je 6 EUR an ihren Dachverband ab (für Jugendliche gelten reduzierte Sätze). Letztes Jahr dürften dem DPV auf diesem Weg rund 170.000 EUR zugeflossen sein.

Des Problems erster Teil: Mehrere Landesverbände, darunter Nord und Hessen, kennen schon von ihrer Satzungslage her gar keine Aktiven ohne Lizenz. Selbst wenn die angeschlossenen Vereine solche Mitglieder haben: Der DPV sieht für sie keinen Cent.

Des Problems zweiter Teil: Eine Kontrolle über die Beitragsehrlichkeit der Landesverbände bei den Mitgliedern ohne Lizenz ist unmöglich. Bayern meldet pro forma regelmäßig nur eine gute Handvoll solcher Mitglieder, und in Baden-Württemberg tauchten 2010 plötzlich knapp tausend Mitglieder ohne Lizenz wieder auf, die in den Vorjahren kraft schwäbischer Sparsamkeit unter den Tisch gefallen waren.

 Des Problems dritter Teil: Der Saarländische Boule-Verband (SBV) reduzierte seinen Lizenzspieler-Bestand von 2006 auf 2007 mit einem Schlag um knapp 400 Personen - fast 5.000 EUR gespart! - Auslöser soll ein DPV-Beschluss gewesen sein, der den Saarländern untersagte, auf die Lizenzpflicht in der untersten Liga zu verzichten. Seither sieht man sich vorzugsweise vor Gericht, seither ist das sportübliche "Du" zwischen SBV und DPV dem "Sie" gewichen. Ferngesteuerte Versuche, einen DPV-genehmen Mann als SBV-Präsidenten zu installieren, gingen erwartungsgemäß gründlich nach hinten los.

 Des Problems vierter Teil: Mit steigenden Mitgliederzahlen steigen die Einnahmen des DPV, ohne dass sich zugleich Aufgaben und Ausgaben des DPV vermehren würden. Längst beäugt mancher Provinzfürst neidisch die relativ üppige Finanzausstattung des DPV, zumal in Jahren, wo zusätzlich Sportfördermittel aus öffentlichen Kassen fließen (zuletzt angeblich 50.000 EUR).

Zwar hat kürzlich eine handverlesene DPV-Kommission über eine Neuordnung der Finanzbeziehungen im Verband zu beraten begonnen. Doch klar ist: Eine saubere und faire Lösung wird es nur geben, wenn die Beitragsabgaben an den DPV ausschließlich auf Basis der gemeldeten Lizenzspieler berechnet werden. Nur so ist Gleichbehandlung der Landesverbände möglich. Und ohne eine dauerhafte Lösung dieses Konflikts ist ein konstruktives Miteinander von Landesverbänden und DPV kaum wieder herstellbar.

Wem gehören die Daten?

Wie gespannt dieses Verhältnis inzwischen ist, wie sehr kleinkrämerisches Kompetenzgerangel selbst die elementare Verbandsverwaltung belastet, zeigt das Beispiel Datenverarbeitung. Wer einmal seinen Spielerpass zückt, wird auf der Vorderseite und an jeder Beitragsmarke schnell erkennen: Das ist eine DPV-Lizenz. Gleichwohl sehen das etliche Landesverbände anders, darunter auch der NPV. Weil sie treuhänderisch mit der Ausstellung der Lizenzen beauftragt sind, halten diese Landesverbände die zugehörigen Spielerdaten (Name, Geburtsdatum, Verein, Staatsangehörigkeit, Lizenznummer) hartnäckig unter Verschluss. Die Folge: Eine automatisierte Beitragsberechnung ist auf DPV-Ebene ebenso unmöglich wie eine zuverlässige statistische Beobachtung der Mitgliederentwicklung, etwa mit Blick auf die sich wandelnde Altersstruktur. Andere administrative DPV-Aufgaben wie die Verarbeitung von DM-Meldungen oder die Ranglistenverwaltung sind aus demselben Grund auf vorsintflutliche Methoden angewiesen (wovon der Autor dieser Zeilen ein .längeres Lied singen könnte).

Legitimierte Exekutive oder allmächtiges Zentralkomitee?

Kleine Quizfrage: Wo steht, dass Deutsche Meisterschaften mit einer Poules-Runde beginnen? Und wer könnte das ändern? - Antwort: Es steht in der "Richtlinie über die Durchführung von Deutschen Meisterschaften", und zuständig für deren Inhalt ist allein das DPV-Präsidium. Davon, dass sich die Landesverbände wenigstens in zentralen Fragen der Wettkampf-Gestaltung ein Mitspracherecht gesichert hätten, kann keine Rede sein. So ist die DPV-Sportordnung denn auch ein dürres Fünf-Seiten-Papier, das zwar "sanitäre Einrichtungen" bei DPV-Wettkämpfen vorschreibt, aber zum Beispiel kein Wort darüber verliert, wie die DM-Startplätze dem Grundsatz nach auf die Landesverbände zu verteilen sind. Zweites Beispiel: Dass mancher Landesverband wenig Neigung hat, den eigenen Liga-Modus komplett an dem der Bundesliga auszurichten, ist nur logisch, wenn man bedenkt, dass das DPV-Präsidium den Bundesliga-Modus in eigener Vollmacht beschlossen hat und jederzeit modifizieren kann, was 2011 gleich zweimal geschehen ist. Unterm Strich bleibt festzuhalten: Die Landesverbände haben weitgehende Regelungsbefugnisse an ihren Dachverband abgetreten. Beinahe allen Regelungen, denen die Aktiven bei Deutschen Meisterschaften, beim Länderpokal oder in der Bundesliga begegnen, fehlt es so an erkennbarer Legitimation.

Für den Versuch, Wünsche und Meinungen der aktiven Spieler in Willensbildungsprozesse einzubinden, ist in einer derart zentralistischen  Struktur natürlich schon gar kein Platz. Niemanden im DPV sollte es überraschen, wenn verbandskritische Strömungen, wie sie sich z. B. im "Grand Prix d'Allemagne" (locker, lustig, lizenzfrei) ausdrücken, in den kommenden Jahren weiter verstärken. Hörbare Warnschüsse, vergleichbar mit den Wahlerfolgen der "Piraten", wird es im Pétanque nicht geben. In ihrer Freizeit stimmen die Menschen mit den Füßen ab.

Spitze oder Breite?

Im Oktober 2009 erklärte Präsident Klaus Eschbach gegenüber dieser Website: "Ich denke mal 90 Prozent unserer Verbandsangehörigen sind Breitensportler. Auf sie wird sich unser Augenmerk in Zukunft verstärkt richten. Aber auch das geht es nur Hand in Hand mit den LFVs. Das Verbandssportabzeichen war eine erste Idee, Training spielerisch auszuüben." - Zwei Jahre später ist das Sportabzeichen noch immer das einzige Stichwort, das dem DPV zum Thema Breitensportförderung eingefallen ist. Und wer auf der DPV-Website die "Breitensport"-News anklickt, stößt auf drei Meldungen, alle drei zum Themenbereich "DPV Masters" und DPV-Rangliste. Breitensport? - Auf der anderen Seite wendet der DPV einen vermutlich steigenden Anteil seiner Mittel für die Förderung der "Spitzenspieler" auf, die zu Kadersichtungen, Kader-Trainings und Kader-Einsätzen eingeladen werden. Reich bebilderte Reiseberichte auf der DPV-Website legen regelmäßig Zeugnis davon ab, ohne dass dabei der sportliche Zweck solcher Ausflüge, etwa die konkrete Vorbereitung eines EM- oder WM-Einsatzes, immer ersichtlich wird.

Nichts dagegen, dass Boule-Deutschland auf Welt- und Europameisterschaften von konkurrenzfähigen Teams vertreten und dass dafür auch Geld der Beitragszahler in die Hand genommen wird. Aber stimmt die Balance zwischen Spitzen- und Breitensportförderung? - Gibt es überhaupt eine bewusste programmatische Entscheidung, wie die begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen auf beide Bereiche verteilt werden sollen? Was leistet der DPV für die gut 4.000 Verbandsangehörigen ohne Lizenz, für die er jährlich je sechs Euro einzieht? Und wo wird an Ideen und Konzepten gearbeitet, um Pétanque weiter zu popularisieren, die Basis zu verbreitern?

Weiter so oder Neubeginn?

Bevor der Verbandstag im kommenden März einen neuen DPV-Präsidenten wählen wird, werden die Verdienste, die sich Klaus Eschbach seit 2002 in diesem Ehrenamt erworben hat, ganz zu Recht ausführlich gewürdigt werden. Vieles im DPV hat in den letzten zehn Jahren klarere Strukturen und einen professionelleren Touch gewonnen, und sicher wird hervorgehoben werden, wie engagiert und gut Eschbach die deutschen Farben im Weltverband F.I.P.J.P. und im europäischen Verband CEP vertreten hat.

Und dennoch birgt die personelle Zäsur auch eine Chance. Ob der Nachfolger sie nutzen wird, um das Minenfeld zwischen DPV-Spitze und regionalen Mitgliedsverbänden endlich zu räumen, darauf darf man gespannt sein. Ohne einen fairen und stabilen Ausgleich in den Finanzbeziehungen wird es kaum gehen.

Ulli Brülls

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11.10.2011 - 2 Tippfehler beseitigt 12.10.

Reaktionen

k.-P. Tscheliesnig (Tschelie)

Meine grundsätzliche Meinung zu dem Kommentar ist:

Die gegenwärtigen Probleme des DPV, die sich aus Widersprüchlichkeiten von Satzung und Ordnungen (sowohl Sport- und Finanzordnung) aber auch aus möglichen gegensätzlichen „Strömungen“ und „verbandspolitischen Haltungen“ und „Handlungen“ zwischen den einzelnen LVs , deren Vertreter- sowie „ in und um das Präsidium herum“ ergeben, lassen sich meiner Auffassung nach, so hoffe ich, immer noch - einvernehmlich - an einem “Runden Tisch“ lösen.

An diesem „Runden Tisch“ sollten noch im November 2011, Vertreter der interessierten LVs,(pardon doch ohne selektive Vorgaben seitens des Generalsekretärs) sowie das Präsidium des DPV- voran der Präsident- und der Generalsekretär DPV, erste Schritte unternehmen, um die nötigsten reformorientierten Änderungen an Satzung und Ordnungen, so auch der Finanzen/Beiträge des DPV vorzubereiten und ebenso durch einvernehmliche Vorschläge, Kandidaten für die zukünftige Besetzung des geschäftsführenden Präsidiums zu finden.

19.10.2011

Selbst

Auf Bitte von DPV-Vizepräsident Christian Groß stelle ich klar, was eigentlich offensichtlich ist: Den vorstehenden Kommentar habe ich natürlich nicht im Namen des DPV-Sportausschusses geschrieben und auch nicht in meiner Eigenschaft als dessen Mitglied. Der ursprüngliche Hinweis (auf diese Mitgliedschaft) bei der Signatur ist also gestrichen worden, um Missverständnisse zu vermeiden. (U. Brülls)

12.10.2011

k.-P. Tscheliesnig (Tschelie)

Hallo Ulli Brülls,
"DPV, Quo vadis ",ein interessanter Artikel, der hoffentlich eine breitgefächerte Diskussion anstößt. Siehe auch: http://www.monsieurbernier.de/forum/showthread.php?p=26773#post26773.

Wenn ich die Zeit finde, will ich gerne im programmatischen sowie ergänzenden und kritischen Sinne antworten.

Viele Grüße
Tschelie

Noch in eigener Sache:  Ps „Grand prxi“ is ja oooch een doller namen “ locker lustig lizenzfrei“ dabei is eet doch:

„… Boule spielen, freundlich, sportlich, fair und frei.
Für uns vom GPdA ist Boule vor allem Spiel und Sport zugleich. Ausdruck und Möglichkeit von Toleranz. Jeder kann teilnehmen. Jung und Alt. Die Boulekugeln sind im Vergleich zu den Utensilien anderer Spiele oder Sportarten günstig und halten lange. Boule spielen kann zu einem lebenslangen Abenteuer werden. Ein Spiel, das für vieles steht: Geschick, Einfachheit, Zeitlosigkeit, Eleganz und Körperbeherrschung, viel Können verbunden mit etwas Glück, aber auch für Freundlichkeit und Laissez-faire im Umgang mit den Mitspielern. Alle, die wollen, können dieses Spiel miteinander spielen. Es ist leicht zu spielen, aber man muss dabei bleiben, um zu gewinnen. Es gilt die Regeln zu verstehen und diese in Fairness einzuhalten. Und es braucht seine eigene Zeit, ein echter Champion zu werden. Ein Spiel, das Herz und Leidenschaft, die ganze Frau, den ganzen Mann fordert….“

Na ja ich verstehe, wie Du es meinst und passt da ja auch irgendwie locker lustig in deinen Satz. In diesem Sinne nochmals besten Dank für Deinen Artikel und Deinen Versuch einen Anstoß für eine notwendige Diskussion und notwendige Änderungen zu geben!!!

12.10.2011